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Abrisskommando Westwall : Spiegel TV video
Ein Nazi-Bollwerk verschwindet
REPORTAGE: Montag, 19.05.2003, 23.15-23.55Uhr, Sat.1In den letzten Monaten machte ein Bauwerk im Rentenalter Schlagzeilen: Der so genannte Westwall. Von den Nazis an der Westgrenze des Reichs gebaut, verfiel die bombastische Anlage mit den Jahren und soll nun endgltig abgetragen werden.

DPA
Westwall-Relikte am Ortsrand von Herzogenrath, Kreis AachenIn den Jahren 1936 bis 1940 baute die Naziführung an der deutschen Westgrenze für rund 3,5 Milliarden Reichsmark einen Betonriegel von Basel bis Kleve, entlang dem 630 Kilometer langen Grenzgebiet zu Frankreich, Luxemburg und Belgien. Auf einer Breite von teilweise 50 Kilometern entstanden über 20.000 Bunker, hunderte von Stollenanlagen, Schtzengräben, Panzergräben und 130 Kilometer Panzerhöcker. Militärisch hat das Bauwerk nie eine Rolle gespielt. Nach dem Ende des "Dritten Reichs" wurden Teile davon gesprengt und abgetragen. Die Reste wurden sich selbst überlassen und von der Natur in Besitz genommen. Nun heisst es, die Bundesregierung wolle insgesamt 35 Millionen Euro aufwenden, um die ehemalige Befestigungsanlage in den nächsten Jahren endgltig zu beseitigen. Denkmalspfleger, Naturschtzer, Heimatforscher und Militärhistoriker aber warnen vor einer "Entnazifizierung durch Abriss".
SPIEGEL TV
Uber 20.000 Bunker bauten die Nazis entlang des WestwallsDie Bundesrepublik ist unter kuriosen und historisch einmaligen Umständen Besitzer der merkwürdigen Bauwerke geworden und bis heute per Gesetz lediglich verpflichtet, alle Massnahmen zu ergreifen, dass niemand durch die verfallenden Bauten zu Schaden kommt. SPIEGEL TV-Autor Henry Köhler hat sich mit Geschichte und Gegenwart des Westwalls beschäftigt. Entlang der ehemaligen Befestigungslinie traf er auf eine Vielzahl von Kuriositäten und interessanten Museumsprojekten. Er sprach mit Umweltschtzern, Museumsbetreibern, Zeitzeugen und Behördenvertretern, die Verantwortung für das ungeliebte Erbe tragen.
DENKMÄLER
Burgen der NeuzeitFür rund 35 Millionen Euro lässt das Bundesfinanzministerium die meisten Bunker des Westwalls abreissen - Historiker und Veteranen protestieren.
Bis nach Lothringen hinber sind die Schläge des Hydraulikhammers zu hören. Wie Kanonenschusse hallen sie durch das Waldstuck nahe dem saarländischen Blieskastel. Stcük für Stück bohrt sich die Meisselspitze der Marke Krupp in den Beton. "Was hart wie Krupp-Stahl ist, kriegen sie nur mit Krupp klein", sagt Herbert Hufnagel.
Der Baggerführer aus dem Sauerland ist spezialisiert auf die Beseitigung besonders resistenter Relikte der deutschen Vergangenheit: Hufnagel, 46, zerkleinert etwa alle anderthalb Wochen einen Bunker des so genannten Westwalls, jenes 630 Kilometer langen Bollwerks aus Bunkern und Panzersperren, mit dem Adolf Hitler vor dem überfall auf Polen sein Reich gegen Angriffe aus dem Westen schützen wollte. Rund 15 000 Bunker liess er zwischen 1936 und 1940 entlang der deutschen Westgrenze bauen. Ein Grossteil wurde nach dem Krieg von den Alliierten gesprengt, doch etwa die Hälfte dieser Ruinen existiert noch. Bis auf wenige Ausnahmen sollen die Bunker aber nun in den nächsten Jahren verschwinden. 35 Millionen Euro soll die Sicherung der Ruinen kosten, und das heisst fast immer: Abriss. Die Bundesvermögensämter, die dem Finanzministerium unterstehen, sehen sich zum Handeln gezwungen, denn das Allgemeine Kriegsfolgengesetz verlangt die Beseitigung von Gefahren für Leben oder Gesundheit von Menschen und in den Bunker-Resten könnte sich schliesslich jemand verletzen. Doch nun regt sich Widerstand gegen das Projekt. Historiker und Archeologen beklagen den Abriss, ehemalige Soldaten sind empört über den respektlosen Umgang mit jenen Mauern, zwischen denen Kameraden starben. Der Verein Interfest etwa kämpft vehement für den Erhalt der "Burgen der Neuzeit", wie Jörg Fuhrmeister, Vize-Chef der Truppe von Bunker-Freaks aus mehreren europäischen Ländern, die Westwall-Befestigungen nennt.

Fast jedes Wochenende inspiziert er irgendwo zwischen Kleve und der Schweizer Grenze ein paar der Betonklötze. Einer duckt sich in Hörweite von Hufnagels Bagger in eine Anhöhe. "Der darf auf keinen Fall weg", sagt Fuhrmeister, 43, und drückt seine Handfläche auf die Oberfläche, die noch "eine Rarität" die Original-Tarnfarben der Wehrmacht trägt. Eine Gefahr für Wanderer oder spielende Kinder sei der Bau mitten im Wald doch auf keinen Fall: "Diesen Bunker mssen sie erst einmal finden." Aber auf dem Stahlbeton prangt schon eine neonrote Nummer das Zeichen dafr, dass bald Baggerfhrer Hufnagel kommen wird. "Eine gigantische Verschwendung von Steuergeldern" sei das, schimpft Fuhrmeister, der das Sicherheitsargument bei den meisten Bunkern fr Unsinn h„lt: Schlieálich trage auch niemand die Alpen ab, weil sich dort jemand beim Klettern einen Fuá oder gar das Genick brechen könnte. In der Tat hat es bislang in den Westwall-Ruinen nur wenige Unfälle gegeben: Im Juni 1972 verletzte sich ein neunjähriges Kind tödlich an einem herausstehenden Eisenstab, einem anderen Jungen riss beim Spielen der Daumen ab. Von weiteren Vorfällen weiss das zuständige Bundesfinanzministerium nichts. Die Ministerialen haben freilich noch einen weiteren Grund für den Abriss: Neonazis nutzten die Bunker manchmal als Treffpunkte, sagt eine Ministeriumssprecherin, es gebe "zahlreiche Hinweise auf einen entsprechenden Tourismus". Doch die Bunker einfach dem Erdboden gleichzumachen hält der Mnsteraner Historiker Hans-Ulrich Thamer für die falsche Taktik im Kampf gegen Rechte: Er glaubt nicht an die "Entnazifizierung durch Abriss". Man müsse die meisten der Kriegsbauten ganz im Gegenteil zur Aufklärung nutzen; auf Info-Tafeln könne doch zum Beispiel stehen, wie viele Soldaten jeweils dort starben. Aber die Bundesregierung möchte sicherheitshalber nur wenige Bunker verschonen. In Nordrhein-Westfalen etwa stehen von 3300 Westwall-Bauten knapp hundert unter Denkmalschutz. Der Düsseldorfer Archäologe Heinz Günter Horn warnt, dass "die jüngere Geschichte so immer mehr in Bücher verbannt wird". Geschichte aber müsse man auch fühlen können. Wie zum Beispiel in einem Saarbrücker Bunker, den Interfest-Leute zum Museum ausgebaut haben. Innen ist es still und eng, die Gaslampe taucht den Raum in mattes Licht. Auf einem Tisch steht eine hölzerne Munitionskiste, darüber hat jemand per Bleistift Strichliste geführt. Jeder Strich steht für 250 verschossene MG-Patronen. "Feind hört mit" oder "Wenn Scharte offen, Licht aus" prangt in schwarzer Schrift auf der beige lackierten Wand. Die damals 3,5 Milliarden Reichsmark teure "Siegfried-Linie", wie der Westwall markig genannt wurde, war auch Teil der NS-Propaganda. Deshalb wurde das Bollwerk stärker dargestellt, als es wirklich war. Mit Erfolg: Die Befehlshaber der Alliierten schienen zu zögern, bevor sie befestigte Frontabschnitte angriffen. Doch dabei entpuppten sich viele der Anlagen als zu schwach fr die im Lauf des Krieges weiter entwickelten Geschosse. In den Schtzengräben und Bunkern starben Zehntausende Soldaten, aber auch Kinder und Greise des Volkssturms. Deshalb empört die schnöde Beseitigung der Ruinen so manchen Veteranen. Willi Fischer, 81, sollte sich eigentlich nicht mehr aufregen, tut es aber doch: Die Bunker, die nun so einfach abgerissen wrden, seien schliesslich "Gedenkstätten für die Toten" und von den Opfern hat er damals selbst viele wegschaffen müssen, nachdem die Alliierten den Westwall beim pfälzischen Oberotterbach überrannt hatten: Mit einem Pferdefuhrwerk karrte der Soldat die Leichen damals zum Friedhof. An den Horror des Westwalls kann er sich noch allzu gut erinnern. In einem Bunker etwa fand er drei deutsche Soldaten, vollst„ndig verkohlt und auf Puppengr”áe geschrumpft. "Die Amerikaner haben Flammenwerfer in die Schieáscharten gehalten, ein grauenhafter Tod", so Fischer. Ein anderer Toter stand aufrecht im Graben, die Brotdose mit einer frischen Konserve Fleisch noch um den Hals, eine Kugel im Kopf. Aber auch die Leistung der Arbeiter, die damals die Bunker im Rekordtempo bauen mussten, verdiene Respekt. "Mit Seilen haben sie Eisenträger und Beton auf Bergspitzen transportiert", so Fischer.
Naturschtzer argumentieren ebenfalls für den Erhalt der Bunker: "In vielen Ruinen nisten Fledermäuse", sagt Walter Stutterich vom Bund für Umwelt und Naturschutz in Rheinland-Pfalz. Der Kalk im Beton sei ausserdem ein guter Nährstoff für Moose.
Der Umweltschützer hält auch wenig von der üblichen Methode, die zerkleinerten Bunker-Reste einfach an Ort und Stelle zu verbuddeln und mit einer Erdschicht zu bedecken: "In 70 bis 100 Jahren spült der Regen den Schutt wieder an die Oberfläche", glaubt Stutterich. Zudem ist der Abriss selbst nicht völlig ungefährlich. Oft schleudert Baggerführer Hufnagels Meissel die Betonbrocken wie Geschosse durch die Luft. Einmal sank der Mann getroffen und bewusstlos über den Hebeln seiner Maschine zusammen. Bei der Arbeit bunkert er sich deshalb jetzt ein: Die Frontscheibe seines Baggers ist inzwischen aus Panzerglas.
CLAUDIUS MAINTZ
DER SPIEGEL 47/2002
(bron - Der Dolmetscher1870)
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